TigerTage


Ich hätte mich für jeden Weg entscheiden können, an diesem grauen Morgen im Januar.
Es ist mein Leben. Mein Weg. Und dennoch lief ich kopflos und ziellos querfeldein über die gefrorene Wiese. Fiel kopfüber in ein tiefes Loch. Kopflose können nicht sehen. Als meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, bemerkte ich, dass ich nicht alleine war. Ein riesiger Tiger beobachtete mich vom anderen Ende der Höhle. Er war sichtlich erfreut.
"Du bist nicht tot!", sagte er. Er hatte Recht.
Ich war am Leben, ein guter Grund zur Freude.
Ich bemerkte Knochenreste um mich herum. Hühnchen, Mäuschen, Vögelchen, Häschen und ein paar Schlangen, ohne Fell und Fleisch, sauber abgeschleckt. Ich war stocksteif vor Angst. Der Tiger sah, wie ich ängstlich die Knochenberge beäugte.
"Die waren schon tot, als sie hier unten ankamen. Oder fast. Und sie waren sehr lecker!" Der Tiger grinste in seinen angegrauten Bart. Ich starrte ihn mit großen Augen an.
"Hab keine Angst, ich fresse Dich nicht.", schnurrte er milde.
"Wie kann ich Dir glauben?", flüsterte ich.
"Ich bin seit Jahren allein und freue mich so sehr über Deine Gesellschaft, bitte glaube mir! Ich sage die Wahrheit.", dabei sah er mir direkt in die Augen und ich musste es ihm einfach glauben.
"Also gut, die Wahrheit." Einen Versuch war es wert und ich kam ohne Hilfe sowieso nicht allein aus diesem Loch. Ich musste mich mit dem Tiger arrangieren.

An langen Abenden und Nächten erzählten wir uns tief unter der Wiese, eng aneinander geschmiegt, die Geschichten unser beider Leben. Es war schön zuzuhören. Es war schön, daß jemand zuhörte. Es war irrsinnig kalt in diesen Wintertagen und es war wundervoll, daß mich dieser schöne alte Tiger wärmte. Er saß schon seit Jahren hier unten, war aber eigentlich ganz zufrieden. Hin und wieder fielen ihm Leckereien vor die Füße.  Er war satt und hatte seine Ruhe. Er konnte den Himmel sehen. Mal Blau, mal mit Wolken, selten schauten Sonne, Mond oder Sterne zu ihm hinunter. Diese Augenblicke waren magisch für den Tiger. Er hatte seine Zeit ganz für sich. Keiner störte ihn.
Ich erzählte ihm von meiner kleinen Welt dort oben. Von meinem Leben, meinen Freunden, meiner Familie, meinen Freuden. Dem Genuss und dem Leid. Vom Leben und Lieben, er hörte zu und lernte. Wir genossen unsere Zeit miteinander. Allein zu zweit in der Wärme des Miteinanders im tiefen Winter unter der Wiese.

Eines Tages stand er auf. Er füllte die Höhle fast vollständig mit seinem Körper.
„Steh auf, es ist Zeit. Du musst Dich bewegen, sonst wirst Du alt hier unten in der Höhle, in der Einsamkeit.“, bestimmte er.
„Aber das möchte ich. Alt werden mit Dir, mein Tiger.“, bettelte ich.
Er lächelte mich milde an: „Wir können nicht zusammen alt werden. Du musst in Deine Welt zurück. Sie vermissen Dich. Deine Welt ist bunt und schön und lebendig. Das möchte ich sehen. Dich in Deiner Welt. Du kannst hier unten nicht glücklich sein, nicht alt werden. Und ich möchte hier unten nicht noch älter werden.“
Mit dem langen weichen Tigerschwanz trocknete er meine Tränen.

„Wir müssen jetzt das Loch verlassen. Leere Deine Taschen aus. Lass alles zurück, was Du nicht mehr brauchst. Du musst leicht sein wie eine Feder. Du wirst jetzt fliegen!" Er stellte sich auf die Hinterbeine, nahm mich sachte in die großen Tigerpfoten und schleuderte mich hoch zur Oberfläche. Dann nahm er seine Kraft zusammen, sprang so hoch er konnte und erreichte kurz nach mir die Oberfläche. Er hätte zu jeder Zeit allein die Höhle verlassen können, es brauchte nur jemanden, der ihm einen Grund dafür gibt.

Wir blinzelten in die helle Frühlingssonne. Es war bereits April geworden. Der Frühling duftete, die Sonne wärmte das Fell. Er sah sich um. "Ich hatte vergessen, wie weit der Himmel ist. Mein Himmel dort unten war nur so weit wie meine Barthaare reichten." 
Mein Tiger beugte sich zu mir herunter, setzte seine dicke Tigernase auf meine, schnurrte mir zu, ließ sich Zeit. Dann stakste er auf seinen hageren Beinen, die die Bewegung nicht gewohnt waren, in Richtung Wald. Er wusste noch, wo er hingehörte. Seine Familie würde sich freuen, ihn wieder zu sehen.

Ich lächelte zufrieden hinterher mit tränennassen Augen. Wir haben uns beide gerettet. Gegenseitig und miteinander. Ich war um einen ungewöhnlichen Freund in meinem Leben reicher. Mein Weg hatte mich in ein tiefes Loch gestürzt. Ich musste fliegen lernen, um dort wieder heraus zukommen. Ich hatte einen Freund gefunden, der mir dabei geholfen hat. Ohne ihn wäre ich nicht mehr an die Oberfläche gelangt. Ich wusste zwar immer noch kein Ziel und keinen Weg, aber ich war zuversichtlich, dass egal, was passieren würde, es einen Ausweg gibt. Alles war gut.

Der Tiger ist mein Freund geblieben, ich hab ihn sehr gern. Manchmal treffen wir uns und erzählen einander die Geschichten, die wir erleben. Hören zu und verstehen. Sind füreinander da, wenn einer von uns dem Loch in der Wiese zu nahe kommt. Genießen das Leben, hier und jetzt, nicht miteinander, aber in der Nähe, und werden alt.

edit: Eine Geschichte, ist eine Geschichte, ist eine Geschichte... 
Nach vielen Texten und Worten in meinem Leben, mit denen ich die Menschen in meiner Umgebung berühre, habe ich mich entschlossen, etwas mehr zu schreiben. Das Nähen bleibt, das Zeichnen auch, verrückte Ideen sowieso....demnächst wieder mehr. 



Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    wie wunder, wunderschön deine Tigergeschichte ist. Ich liebe sie ... und den Tiger wohl auch.

    Lasst euch hübsche Sommersprossen wachsen :-)
    Steffi

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    1. Dankeschön :)
      Oh ja, Sommersprossen, Vanilleeisbäuche und Schwimmhäute....auf in den Sommet! Bis bald mal, ja?
      LiebenGruß Sandra

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  2. Sooo eine wunderbare Geschichte!
    Ganz lieben Gruß
    Alex

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  3. Hallo LiBellein,

    bin ein frischer Begleiter deines Blogs und ehrlich gesagt kannte ich diese erzählende Seite noch nicht, doch jetzt freu ich mich umso mehr drauf.

    Ich glaube, jeder wünscht sich seinen Tiger, oder ist zu mindest auf der Suche nach ihm, wenn auch nicht immer wissend. ;)

    Danke für die bezaubernde Geschichte!

    Lieben regentröpfelden Gruß
    Agata

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    1. Liebe Agata,
      Ich freue mich über Deinen lieben Kommentar. Vielen Dank dafür.
      Es braucht im Moment viel Kraft zu arbeiten, zu schreiben, zu leben....bitte sei nicht enttäuscht, wenn wieder Monate vergehen bis zum nächsten Beitrag.
      Willkommen hier!
      LiebenGruß von Sandra

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  4. So eine schöne Geschichte :-) Freue mich auf mehr...
    Lg Angi

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    1. Meine liebe Angela,
      Die besten Geschichten schreibt das Leben!
      Kopfüber hinein :)
      Lg bis bald.
      Sandra

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  5. Eine wunderschöne Geschichte, danke dafür. Es wäre schön wenn in jedem tiefen Loch in das man fallen kann so ein liebes Wesen wäre. Oder ist es das und wir sehen es nicht, weil unsere Dunkelheit es nicht hindurch lässt.
    Liebe Grüße aus Hamburg
    Anne

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    1. Das sind wunderbare Gedanken für die weiterführende Geschichte. Ein warmes Wesen im kalten für alle von uns. Danke, Du Liebe.
      Ich hoffe, Du bist wohl auf?
      LiebenGruß von Sandra

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