Meine Wende-Geschichte.

Der Fall der Mauer vor 25 Jahren in der Sonnenallee


Duft kann Erinnerungen wecken. Blumendüfte begleiten mich durchs Leben. Honigsüßer Rosenduft, dann stehe ich plötzlich wieder vor der Standesbeamtin im Rathaus und sage "Ja". Phlox erinnert mich an meine Einschulung. Mama hatte damals meine Schultüte oben drauf mit einem Gebinde aus pinkfarbenem Gartenphlox geschmückt. Der duftete so wunderbar. Chrysanthemen erinnern mich an den Abend, als wir zum ersten mal rüber sind, in den Westen. Es war der 10.November 1989....heute vor 25 Jahren.

Ich bin ein Ostkind, ein Wendekind. Meine Kindheit in der DDR war wohlbehütet und gut. Trabbis fuhren nicht so schnell und eher selten, Straßenbahnen waren laut, überfahren wurde also niemand. Missbrauch gab es nicht mal im öffentlichen Sprachgebrauch. Wir waren frei, wir Kinder zumindest in unserem kleinen Leben. Wir hatten ein Dach über den Kopf und wenn wir bis um 15.00 Uhr die drei Kilometer bis zum Bäcker gelaufen waren, bekamen wir unser Brot für 20 Pfennige. Danach gab es nix mehr. Margarine und selbstgemachte Marmelade waren immer im Haus. Wenn wir am Wochenende mit den Eltern raus aufs Land zu den Großeltern fuhren, bekamen wir unseren Trabbi mit Äpfel, Kartoffeln und Eier voll geladen. Herrlich. Erst später, als ich groß war, begriff ich, warum die Gespräche in meiner großen Familie meist locker, leicht, freundlich und oberflächlich waren. Einer füllte unsere StasiAkten.

Mama und  Papa hatten meist am Wochenende eine Tüte voll Kaffee (250gr)  und wir Kinder waren meist am Wochenende im Kino. Mein Bruder und ich durften alleine mit der Straßenbahn fahren. Einmal ging das Gerücht in der Schule, es gäbe Kornflakes in einem der kleinen Lebensmittelgeschäfte, jwd, wir auf den Rädern hin und statt des Brotes eine Tüte Kornflakes geholt. Die Tüte war leer gefressen, bevor wir zu Hause ankamen. Am folgenden Tag mußten wir ohne Brote in die Schule. 

Hin und wieder kam ein seifig duftendes Päckchen aus dem Westen vom anderen Opa. Der war 1961 noch rüber und wollte eigentlich die Familie nachholen....  Seife, Strumpfhosen, Schokolade, Bonbons, einmal war eine Barbiepuppe für mich dabei. Das Geschenk für meinen Bruder habe ich wohl ausgeblendet :o)  Uns ging es gut. 

Am 9.November standen wir Kinder (ich 11 und er 12 Jahre alt) hinter dem Sofa, auf dem die Eltern saßen und Nachrichten sahen. Aktuelle Kamera 19.30 Uhr : Herr Schabowski verkündete im Nebensatz die Grenzöffnung. Meine Eltern erstarrten zu Salzsäulen. Wir schauten uns an, jubelten....und wurden dann in die Betten gescheucht. Am nächsten Morgen sind wir ganz normal zur Arbeit und Schule gegangen. Die Schule war leer gefegt. Die Hälfte der Schüler war nicht zum Unterricht erschienen und von den Lehrern nur die ganz roten. Gegen 12 Uhr wurden wir an diesem Freitag nach Hause geschickt. Als Papa endlich von Arbeit kam und Mama zur Arbeit verabschiedet war, machten wir drei uns (Papa, mein Bruder und ich) auf den Weg in den Westen. Papa parkte irgendwo in den Kleingärten in der Nähe der Sonnenallee. Beim Aussteigen fiel ich in einen Zaun, an dem sich nasse Chrysanthemen senkrecht hielten, trotz der Kälte. Dieser herbe Duft. 

Es war schon gegen 18.00 Uhr, als wir am Grenzübergang in der Sonnenallee ankamen. Der Strom Menschen machte es unmöglich einen anderen Weg zu gehen. Autos kamen nicht mehr vorwärts. Vor uns waren die Schlagbäume unten und die Pässe wurden kontrolliert. Es ging nicht weiter. Eine Stunde standen wir im dichten Gedränge....mit elf Jahren, ein Kopf kleiner, hatte ich nur Jacken um mich herum. Bedrohliche Enge, die von Papa hin und wieder mit schieben und bösen Blicken beseitigt wurde. Papas Hand ganz fest halten, meine Hand war schön warm. Ich rechts, mein Bruder links, standen wir und warteten. Es wurde laut "Wir sind das Volk" "Macht auf" "Freiheit, Freiheit, Freiheit!" ....plötzlich ging ein Kreischen durch die Menge und wir setzten uns alle gleichzeitig in Bewegung. Wir waren drüben. Mich überfiel die Angst, sie würden die Grenze hinter uns wieder schließen. Mama wäre alleine. Ich wollte nur noch nach Hause. Papa, ist ein prima Kerl, er holte das Begrüßungsgeld für uns drei und steuerte direkt den nächsten Kiosk an, wo wir jeder ein Überraschungsei bekamen. Ich ließ mich gerne bestechen :o)

Wir besuchten eine alte Tante, schlenderten durch das überfüllte West-Berlin, verloren Papas prall gefülltes Portemonnaie und fanden es wieder. Irgendwann ging es wieder Richtung Osten über die offene Grenze, ich hätte jeden Uniformierten knutschen können. An den Chrysanthemen vorbei, in den grünen Trabbi und schon waren wir zu Hause, bevor Mama ihre Spätschicht beendet hatte. Sie wurde kreidebleich, als wir ihr erzählten, was wir erlebt hatten und beruhigte sich erst, als Papa das Kilo WestKaffee auf den Tisch stellte.....auch sie ließ sich von ihm gerne bestechen. Es wurde ein wunderbares Wochenende. 

Das war ein Wendepunkt für viele, viele Menschen. Wir bekamen so viel Besuch von unserer großen Westfamilie. Ich wußte nicht, daß es so viele waren und wurden auch viel eingeladen. Der grüne Trabbi war also von Wilhelmshafen bis Nürnberg mit uns unterwegs. Sehr aufregend. Meine Eltern behielten beide ihre Arbeit. Wir mußten bald darauf Samstags nicht mehr in die Schule. Es gab keinen Fahnenappell mehr, die Pioniertücher schoben sich immer weiter nach unten in die Schubladen. Ich wurde ganz langsam erwachsen, verstand immer mehr und begriff, daß ich, wäre ich groß gewesen, auch an diese Grenze gestoßen wäre. Das ich ungemütlich geworden wäre. Sehr sicher. 

Weihnachten 1989 bekam ich einen rosa MickyMaus-Pullover, Schuhe für meine Barbie (die Kleidung des Plastikmädchens fertigte ich selbst, seit ich sie besaß), eine Heizung in mein Zimmer und eine Apfelsine ganz für mich alleine. Großartig!!!

Als ich erwachsen wurde, bekam ich immer mehr kleine und große Geschichten erzählt über meine Familie. Die Flucht des Großvaters, Enteignungen, Übergriffe, Mama hätte damals gerne Abitur gemacht und studiert, es wurde ihr verweigert, weil Opa nicht in der Partei war. Opa ist so stolz, daß wir drei Enkelmädchen alle studieren konnten....Freiheit ist das einzige, was zählt. So sang es damals Marius Müller-Westernhagen. Das entstand bereits vor der Wende! Damit bin ich groß geworden. Das hat mich und die Generation Wende begleitet und geprägt. Jetzt erst weiß ich die Freiheit wirklich zu schätzen. Die Freiheit zu lieben, zu leben und zu sagen, was ich will.  Ich Danke an dieser Stelle jenen, die raus gegangen und laut geworden sind und jenen, die friedlich blieben. Vielleicht macht es anderen Menschen mit Mauern Mut, diese endlich zu entfernen. 

Gestern Abend sah ich die weißen Luftballons in den Berliner Nachthimmel aufsteigen, im Fernsehen und telefonierte währenddessen mit meinem Papa. Ich bekam ne Gänsehaut. Er beschwerte sich, daß sie diese Kosten lieber in die Berliner Obdachlosen hätten investieren sollen. Ich fand die Installation wundervoll. Gut gelungen....sehr. Ich war leider diesmal nicht dabei :o)

Ein Macro dazu für Steffi.....im Kleinen ist die Welt bezaubernd.

Freiheit ist die Musik meines Lebens,
das Thema der "short stories" im November von Biene und Andrea.

Kommentare

  1. Danke für deine Geschichte! Ich bin total berührt!

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  2. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich bin schon 1988 mit 21 ausgereist, doch dieser Moment der Öffnung war einfach unbeschreiblich. Ich saß heulend vorm Fernseher und telefonierte mit meinen Eltern.
    Mein Vater war jeden Montag mit inem Bekannten in Leipzig zur Demo. Glaube mir, wir haben immer gebangt und waren dankbar, wenn er wieder nach Hause kam.
    LG Bärbel

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    1. In Leipzig fing es an! Ein guter der Vater!!
      Herzlichst Sandra

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  3. Liebe Sandra, vielen Dank, dass Du uns erzählt hast wie Du die Maueröffnung erlebt hast. Ich liebe solche Erlebnisberichte. Als die Grenze geöffnet wurde, stand ich auf der Trittleiter um die Decke im Flur zu tapezieren, als meine Kinder aus dem Wohnzimmer riefen, komm mal die sagen im Fernsehen, dass die Grenze auf ist und die Leute rüber kommen. Und dann saßen wir 4 da und starrten auf die Glotze und konnten es gar nicht begreifen. Leider hatte ich kein Auto, sonst wären wir (wir wohnten in Lübeck) gleich zum nächsten Grenzübergang gefahren um zu sehen ob es wirklich stimmt.
    Auch ich hätte die leuchtenden Ballons in Berlin selbst gesehen. Aber man kann nicht überall dabei sein.
    Aber schön dass es so ist wie es ist.
    Liebe Grüße Anne

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  4. Du hast mich mit deiner Geschichte gerade sehr gefesselt. Danke!
    Liebste Grüße von Steffi

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    1. Steffi steht auf Fesselspiele .....
      auweia :o)))))

      Nee, spokes! LiebenGruß!!

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  5. Boah ey, so spannend und so berührend!
    Und was für ein Glück, gell!
    Ich finde auch: wir sind ein glückliches Volk :-)
    Ganz liebe Grüße,
    Kerstin

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  6. Danke für deine bewegende Geschichte

    Liebste Grüße zu dir :-)

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  7. Hallo Sandra,
    da surft man am frühen morgen, mit Kaffee in der Hand, ein wenig rum und findet so einen wundervollen Blog.
    Deine Geschichte hat mich sehr gefesselt, ich freue mich einfach darüber das die Maue weg ist und ich dadurch ganz viele Menschen meine Freunde nennen darf. Mit Mauer hätte ich sie nie kennengelernt.
    Ich komme jetzt des öfteren Mal bei Dir vorbei
    Liebe Grüße
    Bettina

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    1. Liebe Bettina,
      Herzlich Willkommen, nimm platz und fühl Dich wohl :o)
      Herzliche Grüße von Sandra

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  8. Liebe Sandra, schon beim Lesen bekam ich eine Gänsehaut und auch jetzt spüre ich noch wie es sich in meinen Bauch zusammenknubbelt. Vielen Dank für diesen Einblick in Dein Leben. Auch für mich und meine Familie war es ein unglaubliches Ereignis. Meine Mama ist nach dem Krieg in den Westen geflohen (sie stammt aus Riesa) und konnte es gar nicht glauben, dass sie jetzt wieder ihre Heimat wiedersehen darf. Ungläubig haben wir an diesem Tag vor dem Fernseher gesessen und vor Freude geweint - die ganze Familie. Ganz liebe Grüße, Nicole

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    1. Auch eine spannende Story, erzähl mal :o)

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  9. Deine Geschichte ist wunderbar! Die Geschichte selbst, aber auch wie du es schaffst uns mit allen Sinnen daran teilhaben zu lassen...
    Herzlich
    Karin

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  10. Danke! Ein bisschen weinen muss ich ehrlich gesagt - auch beim zweiten Mal lesen.
    Danke, dass Du Deine Wendegeschichte aufgeschrieben hast!

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  11. Deine Geschichte hat mich tief berührt. Danke das ich sie lesen durfte. Und nächstes Jahr Sankt Martin komme ich rüber!!! Das ist eine Drohung. Lass dich drücken und sei lieb gegrüsst, du warst die beste Kollegin der Welt. Gisela

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    1. Jawoll, der Becher steht dann auf dem Tisch!!!
      Herzlichst!

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  12. Danke für deine Geschichte.
    Am Samstag bin ich an den Ballons ein großes Stück gelaufen; das war schon besonders.
    Der Mauerfall hatte ich im Fernsehen gesehen.
    LG
    Jojo

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    1. Sehr cool, Du bist eine von denen mit den gelben Mützen....ein Mauerläufer?
      Die Ballons hätt ich zu gern gesehen.
      LiebenGruß von Sandra

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  13. :)

    ich bin auch ein Wendekind und sehe mich oft in Deiner Geschichte an meine Kinderwendezeit erinnert. Ohne schlechte Erfahrungen sehe ich gerne zurück und bin sehr froh beide Seiten kennengelernt zu haben - alle sind mir sehr wichtig.

    Einen lieben Gruß von Senna

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    1. Ich habe auch so viele Freunde aus Ost und West....das ist aber eigentlich egal. Sie alle sind mir gleich lieb!

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  14. Hallo :)
    Als erstes möchte ich noch sagen das ich dein Blog Design unglaublich schön finde!
    Und deine Mauer Geschichte ist wirklich sehr berührend,
    Ganz Liebe Grüße,
    Marlene von aboutmarlene.blogspot.de

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  15. so schön geschrieben Danke für den Einblick.....
    Lg Angi

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  16. Danke für Deine Geschichte, liebe Sandra! Ich habe, ehrlich gesagt, Tränen in den Augen, weil ich mich auch an "unsere" Wende in Rumänien erinnert habe. Lange ist es her, die Erinnerungen bleiben und kommen immer wieder hoch. Ich war ein bisschen älter, 15... Vielleicht treffen wir uns einmal und erzählen uns gegenseitig, ich bin neugierig, ob es Euch im Osten anders ging als uns im Ostblock, wobei ich denke, dass es viele Ähnlichkeiten gab... Ganz liebe Grüße, Ioana

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